Hassabis: AGI bis 2030

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Lisa Ernst · 05.12.2025 · Technik · 5 min

Die Debatte um Künstliche Allgemeine Intelligenz (AGI) und ihre potenziellen Auswirkungen gewinnt an Dringlichkeit. Was vor Kurzem noch als ferne Zukunft galt, wird nun als konkrete Planungsgröße diskutiert. DeepMind-CEO Demis Hassabis prognostiziert eine „transformative“ AGI in naher Zukunft und betont die Rolle von „World Models“ als zentrales Entwicklungsfeld. Gleichzeitig warnt er vor realen Risiken, insbesondere KI-gestützten Cyberangriffen auf kritische Infrastrukturen.

AGI-Debatte & World Models

Demis Hassabis hat mehrfach die Einschätzung geäußert, dass AGI – verstanden als Systeme, die menschliche Fähigkeiten in vielen Bereichen erreichen oder übertreffen – um 2030 möglich sein könnte. Diese Zeitleiste wurde auf dem Axios AI+ Summit erneut aufgegriffen und mit dem Begriff eines „transformative moment“ verbunden.

Demis Hassabis im Gespräch mit Google-Mitbegründer Sergey Brin über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz.

Quelle: axios.com

Demis Hassabis im Gespräch mit Google-Mitbegründer Sergey Brin über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz.

Die AGI-Debatte bleibt fachlich umstritten, da Definitionen, Messgrößen und Benchmarks nicht einheitlich sind. Selbst wenn einzelne Akteure 2030 für plausibel halten, reicht die Spannweite seriöser Einschätzungen deutlich weiter, bis in die 2040er oder später, wie in Expert:innen-Umfragen und Modellgrenzen diskutiert wird. Hassabis koppelt den Zeitplan nicht an reine Skalierung, sondern an zusätzliche Durchbrüche. Hier werden „World Models“ zum verbindenden Konzept zwischen Vision und Forschungsagenda.

DeepMind World Models Erklärung: Warum Simulation mehr ist als hübsches Video

„World Models“ sind die Idee, dass ein KI-System interne, handlungsfähige Modelle der Welt aufbaut, um Folgen von Aktionen zu antizipieren. Dieses Konzept erlebt eine Renaissance, da robuste Agenten und Robotik ohne verlässliche Umwelt-Simulation schwer skalieren. Eine Einordnung der historischen Linien und der heutigen Uneinigkeit darüber, was ein echtes „World Model“ ausmacht, bietet Quanta Magazine.

DeepMind hat diese Richtung in den letzten 12 Monaten stark konkretisiert. Mit Genie 2 wurde Ende 2024 ein Foundation-World-Model vorgestellt, das aus einem Prompt-Bild vielfältige, action-kontrollierbare 3D-Umgebungen generieren kann. Genie 3 wurde am 5. August 2025 präsentiert und soll interaktive, konsistente Welten in Echtzeit erzeugen können.

Der Kern dieser Entwicklung liegt in einer verschobenen Architektur-Vision: KI-Agenten sollen in einer modellierten Welt planen, testen und lernen, bevor sie reale Systeme beeinflussen. DeepMind selbst verknüpft diese Technologie ausdrücklich mit dem Pfad Richtung AGI. Diese Idee wird auch außerhalb von DeepMind diskutiert, wie die Arbeit zu emergentem „intuitive physics understanding“ aus Selbstüberwachung auf natürlichen Videos zeigt, an der auch Yann LeCun beteiligt ist.

KI-Risiken & Kritische Infrastruktur

Hassabis’ Warnung zielt auf eine unangenehme Überschneidung: Die gleichen Agentenfähigkeiten, die in simulierten Welten schneller lernen, können in realen IT- und OT-Umgebungen schneller angreifen. Auf dem Axios AI+ Summit nannte er ausdrücklich Cyberterror gegen Energie- oder Wassersysteme als besonders naheliegenden Vektor, der „fast schon passiert“.

Demis Hassabis, CEO von DeepMind, äußert sich zu den Chancen und Risiken der Künstlichen Allgemeinen Intelligenz.

Quelle: 1950.ai

Demis Hassabis, CEO von DeepMind, äußert sich zu den Chancen und Risiken der Künstlichen Allgemeinen Intelligenz.

Parallel dazu veröffentlichen westliche Behörden konkrete Leitlinien, wie KI sicher in Operational Technology integriert werden soll. Am 4. Dezember 2025 wurde eine internationale Guidance angekündigt, die vier Prinzipien betont: Risikoverständnis, Bedarf- und Risikoanalyse, Governance sowie Oversight und Fail-safes. Diese Veröffentlichung wird in der Fachpresse als Reaktion auf die wachsende Angriffsfläche von AI+OT eingeordnet, wie Dark Reading und SecurityWeek berichten.

Dass kritische Infrastruktur real im Fokus staatlicher Akteure bleibt, zeigt auch der aktuelle BRICKSTORM-Fall. Laut US- und kanadischen Behörden wurde eine mit China verknüpfte Backdoor genutzt, um langfristigen Zugriff auf Systeme zu etablieren – mit Potenzial für Störung oder Sabotage, wie Reuters meldet. Fachberichte weisen darauf hin, dass VMware-vSphere-Umgebungen und Windows-Infrastrukturen besonders betroffen waren.

Zudem bleibt Ransomware laut US-Berichten ein dominanter Druckfaktor für kritische Sektoren. Für 2024 meldete das FBI steigende Beschwerdezahlen mit starkem Bezug zu kritischer Infrastruktur.

Handlungsbedarf & Governance

Die brisante Mischung aus kurzer AGI-Zeitleiste und konkreten Sicherheitswarnungen erzeugt Handlungsdruck. Hassabis’ Aussage impliziert: Selbst wenn AGI 2030 nicht exakt trifft, werden „transformative“ Teilfähigkeiten früher in die Breite diffundieren. Das ist die Phase, in der Angreifer nicht „Superintelligenz“ brauchen, sondern robuste, gut orchestrierte Agenten, die menschliche Fehlerketten skalieren.

Demis Hassabis, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Bereich der KI, auf dem Cover des TIME 100 Magazins.

Quelle: time.com

Demis Hassabis, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Bereich der KI, auf dem Cover des TIME 100 Magazins.

Für Organisationen ist daher weniger die metaphysische Frage „Wann kommt AGI?“ entscheidend, sondern die pragmatische Frage „Welche agentischen Fähigkeiten landen 2026/2027 in Standard-Toolchains?“. Behördenantworten deuten in dieselbe Richtung. Die neue OT-Guidance fordert explizit, dass KI-Systeme nicht unkontrolliert in sicherheitskritische Prozesse eingebettet werden dürfen und dass menschliche Aufsicht sowie Fail-safe-Mechanismen designseitig verankert sein müssen.

Auf Governance-Ebene bleibt das NIST AI Risk Management Framework ein zentraler Referenzpunkt, weil es einen freiwilligen, aber breit akzeptierten Rahmen für die Strukturierung von KI-Risiken bietet. NIST verweist dabei auch auf spezifische Profile für generative KI, die seit 2024 veröffentlicht wurden.

Auch Anbieter selbst dokumentieren die Realität von Missbrauch. OpenAI beschreibt in seinem Threat-Reporting, dass Akteure KI häufig an bestehende Angriffsmuster „andocken“, um schneller zu arbeiten, nicht zwingend um völlig neue Offensivklassen zu erfinden. Diese Beobachtung passt zu Hassabis’ Warnung, dass die gefährlichsten Vektoren im Kern bereits existieren und nur effizienter werden.

Zusammenfassung & Ausblick

Die aktuelle AGI-Debatte wirkt zugespitzt, weil „World Models“ die Brücke schlagen zwischen abstrakter Allgemeinintelligenz und sehr konkreten Systemfähigkeiten: Planung, Simulation, Handlungssequenzen, Robustheit in dynamischen Umgebungen. Genau diese Fähigkeiten sind in der Industrie und in kritischer Infrastruktur gleichermaßen wünschenswert und riskant.

Hassabis’ Doppelbotschaft – AGI rückt näher, aber bestimmte Risiken sind schon jetzt greifbar – ist deshalb nicht bloß ein rhetorischer Spagat, sondern eine plausible Systemdiagnose: Die Zukunft kommt schrittweise, und die gefährlichen Zwischenstufen sind oft die am wenigsten regulierten.

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